Lily Raff McCaulou

„Rufe der Wildnis“

 

 

Franckh-Kosmos-Verlag, Stuttgart 2018, 335 Seiten,

€ 20.00

 

 

Dies ist ein aussergewöhnliches Buch. Einmal beschreibt es intensiv den Weg einer jungen Frau zur Jagd und dies geschieht auch noch in den USA. Es gibt ganz wenige Bücher in deutscher Sprache von US-Autoren. nur ältere Bücher von US -  Literaten wie Theodore Roosevelt, Ernest Hemingway, William Faulkner, Robert Ruark, A. Bryan Williams, die auch über die Jagd schreiben, neuere US – Jagdbücher in deutscher Sprache sind mir nicht bekannt.


Lily Raff McCaulou ist eine junge, in einer Ostküstenstadt geborene Journalistin, arbeitete in New York in der Filmbranche und schreibt, dass ihr mit ihren 24 Jahren „kaum etwas auf dieser Welt ferner lang als die Jagd“.


Der Rummel in New York wird ihr zuviel und sie sucht und findet eine Stelle als Journalistin im östlichen, ländlichen Bereich von Oregon. Bei ihren Recherchen kommt sie zwangsläufig mit der Jagd in Berührung. Ihr Freund, und späterer Ehemann, nimmt sie zum Fliegenfischen mit. So langsam erkennt sie, dass hinter Jagd und Fischerei mehr steckt, als ihr bisheriger Glaube und ihre Skepsis.


Mit 26 Jahren beschließt sie auf die Jagd zu gehen. Sie will Hintergründe erforschen, Natur intensiver erleben, eigene und fremde Emotionen verstehen, Essen selbst erbeuten und wissen, warum Menschen auf die Jagd gehen.


Als Jounalistin recherchiert sie sorgfältig und hinterfragt alles und jedes. Ihre Emotionen, die sich um ihr Tun ranken, sind manchmal schwierig zu begreifen, führen aber immer zu einem Ziel.


Viel Jagdbeute, große Trophäen etc. darf man in dem Buch nicht erwarten, daher ist es auch nicht bebildert. In den ersten Jahren jagt sie auf Federwild und lernt dabei den unterschiedlichen Geschmack der verschiedenen Arten kennen, im Gegensatz zu den Tiefkühlhähnchen. Überhaupt ist der Verzehr selbst erlegten Wildes ein zentraler Aspekt ihrer Jagdausübung.

Erst im letzten Kapitel erlegt sie einen Wapiti und die Schilderung der  Bergung und Verwertung des Stückes ist umfangreicher als die eigentliche Jagd. 


Lily Raff McCaulou setzt sich auch intensiv mit der Frage Jagd und Naturschutz auseinander und daher kommt hier ein Zitat „Die aktive Jagd und Angelei können uns die Umwelt, die Erde im Allgemeinen, auf eine umfassendere Art schätzen lehren, als es passive Waldführungen oder Vogelbetrachtungen vermögen. Wenn wir die Sprache der Flüsse, der Wälder, Wiesen und Weiher vollkommen verlernen, verspielen wir jede Chance, die Natur sachgerecht zu schützen und erhalten.“

Das Buch bietet ein guten Einblick in die US – Jagdkultur, die ich sehr spannend finde, ist sie doch oft mehr wirkliche Jagd als unsere „Abschusserfüllung“.

Es ist kein einfaches Buch, da es zum Nachdenken, auch über eigene Vorurteile, zwingt, aber gerade deshalb finde ich es wertvoll.

Mit der Übersetzung des Buches in die deutsche Sprache habe ich allerdings meine Probleme, da ich nicht glaube, dass es immer die originalen Worte sind. So wird z.B. der Begriff „Weidgerechtigkeit“ öfter verwendet. Nach meiner Kenntnis ist dieser deutschsprachige Begriff nicht identisch mit den US – Vorstellungen einer fairen Jagd. Auch manchen Zahlen stimmen nicht.


Für eine offenen Auseinandersetzung mit der Jagd kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.


Jürgen Rosemund